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Leseprobe zum Buch 创Eine kleine Geschichte der Sprache``

Author:Steven R. Fischer
Translator:Andreas Simon
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ISBN: 3593366673   ISBN: 3593366673   ISBN: 3593366673   ISBN: 3593366673 
 
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Menschen verändern ihren Wortschatz durch Neubewertungen, die zuweilen den qualvoll langsamen Reifungsprozess einer Gesellschaft spiegeln. »Krieg«, einst ein Wort, mit dem sich Ehre verband, er- weckt heute allgemeine Abscheu. »Neger« oder englisch »Nigger« sind heute Tabuwörter, die vielleicht noch abstoßender wirken als das übelste Schimpfwort; keffir, die südafrikanische Entsprechung, wird dort gegenwärtig aus dem Wortschatz getilgt. Die Wörter »schwul« und »geil« sind von Schimpf- bezie- hungsweise Tabuwörtern zu geläufigen Ausdrücken geworden, auch eine Folge der sexuellen Revolution der 60er und 70er Jahre. »Wilde Ehe«, »alte Jungfer«, »spätes Mädchen« und »ledige Mutter« sind seit den 70er Jahren beinahe verschwunden, Zeichen der veränderten Rolle der Frau und der Sexualität in der Gesellschaft. Viele alte Gattungsbegriffe werden heute, am Beginn des 3. Jahrtausends, im Licht eines neuen Bewusstseins und einer neuen Sensibilität inhaltlich neu bewertet: Die Bedeutung des Wortes »Tier« zum Beispiel wandelt sich gegenwärtig von einer »Sache« zu einem »Mitgeschöpf«. Solche Veränderungen sagen viel über die Entwicklung des Menschen.

Soziolinguisten verzeichnen auch negative Veränderungen: »Musik«, »Literatur«, »Kunst« und »The- ater« verlieren durch den grundlegenden kulturellen Wandel, dem unsere Gesellschaft unterliegt, ihre traditionelle Bedeutung. Alarmierender ist vielleicht, dass »Familie«, »Ehe«, »Ehre« und selbst »Gott« ihre eigentliche Bedeutung verlieren, da die Gesellschaft bislang hochgehaltene Konventionen und Glau- bensüberzeugungen umkehrt und fallen lässt. Das Wort »Partner«, das bis vor kurzem nur »Kumpel«, »Geschäftsteilhaber« oder »Mitspieler« bedeutete, dehnt heute seine Bedeutung aus und ersetzt alte Bezeichnungen wie »Ehemann«, »Ehefrau«, »Gemahlin«, »Verlobter/e«. (Die Wörter »Kind«, »Mutter« und »Inzucht« bleiben allerdings unberührt, während auch »Vater« eine Umdeutung erfährt.)

In solchen Neubewertungen erkennt man die Neuformung einer Gesellschaft. Alle genannten Verände- rungen ereigneten sich in der Lebensspanne des Autors, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die eine schwierige, immer noch nicht abgeschlossene Neugestaltung des sozialen Geflechts erlebt. Je älter wir werden, desto mehr müssen wir ererbte Gebräuche aufgeben und althergebrachte Vorstellun- gen neu definieren – für viele ein schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Unterfangen.

  
Eine kleine Geschichte der Sprache
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